Virtual Reality in der Verkehrssicherheitsarbeit

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Die Nutzung von Virtual Reality (VR) gewinnt in der Verkehrssicherheitsarbeit zunehmend an Bedeutung, da VR-Brillen Verkehrssituationen unter realitätsnahen Bedingungen erlebbar machen, ohne die Nutzenden dabei einer Gefahr auszusetzen. Dies ist insbesondere für die Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung von großer Relevanz. Das KFV hat sich daher gemeinsam mit der AUVA mit den Einsatzmöglichkeiten von VR-Brillen auseinandergesetzt und konkrete Empfehlungen für die Verkehrssicherheitsarbeit abgeleitet.

Um einen Überblick über aktuelle VR-Anwendungen und deren Grenzen sowie Potenziale zu erhalten, wurden eine umfassende Literaturanalyse und Experteninterviews durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass sich sowohl die VR-Brillen als auch die Lernwelten, in die man eintauchen kann, stark unterscheiden. So bieten Smartphone-basierte VR-Brillen, die auf das Display und den Prozessor des Smartphones zurückgreifen, eine günstige Alternative zu hochwertigen VR-Brillen mit eigens integriertem Display und Sensoren.

Lernwelten
Virtuelle Lernwelten in VR-Anwendungen unterscheiden sich grundlegend von klassischen Lernmedien. Lernende können sich selbstgesteuert in dreidimensionalen Umgebungen bewegen, diese aus unterschiedlichen Perspektiven erkunden und mit Objekten oder Personen interagieren. Dadurch werden Lerninhalte nicht nur visuell, sondern – je nach technischer Ausstattung – auch hör- und fühlbar vermittelt, was das Lernen intensiver und anschaulicher macht.

Je nach didaktischer Zielsetzung kommen unterschiedliche Lernwelten zum Einsatz, die beispielsweise zum Erkunden, Trainieren, Experimentieren oder Gestalten genutzt werden können. VR-Anwendungen unterscheiden sich zudem im Grad der Interaktion – von passiv über aktiv bis hin zu interaktiv – sowie in der Art der Darstellung: von realistisch-abbildungsgetreu über vereinfachend-schematisch bis hin zu abstrakten Visualisierungen. Diese Vielfalt ermöglicht es, unterschiedlichste Inhalte erfahrbar zu machen.

Aktuelle Anwendungen
In der Verkehrssicherheitsarbeit richten sich bestehende VR-Anwendungen an verschiedene Verkehrs- und Altersgruppen. Zentrale Anwendungsfelder sind dabei a) die Gefahrenerkennung im Straßenverkehr, b) der Perspektivenwechsel zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden, c) die Sensibilisierung für riskantes Verhalten wie z.B. Fahren unter Substanzeinfluss sowie d) das Erlernen sicheren Fußgängerverhaltens.

Potenziale und Grenzen
VR‑Brillen und Fahrsimulatoren bieten großes Potenzial für Schulungen und Bewusstseinsbildung in der Verkehrssicherheitsarbeit. Sie ermöglichen es, auch seltene oder gefährliche Verkehrssituationen realitätsnah zu erleben. Neben dem reinen Erleben besteht außerdem die Möglichkeit angemessenes Verhalten in kritischen Situationen zu üben. Zudem wirkt die Technologie durch ihren spielerischen und innovativen Charakter motivierend und kann die Teilnahmebereitschaft an Schulungs‑ und Sensibilisierungsmaßnahmen erhöhen. Aufgrund ihrer Mobilität und ihres häufig autarken Betriebs eignen sich VR‑Brillen besonders für den Einsatz in Schulen, Betrieben oder bei Veranstaltungen.

Gleichzeitig sind VR‑Brillen lediglich ein Werkzeug, dessen Wirkung stark von der Qualität der vermittelten Inhalte abhängt. Nur wenn diese auf die Zielgruppe zugeschnitten sind und die Inhalte in ein pädagogisches Gesamtkonzept eingebettet sind, kann ein Lernerfolg erzielt werden. Darüber hinaus ist die Entwicklung spezifischer Anwendungen aufwändig und kostenintensiv. Trotz zunehmenden Realismus kann das reale Verkehrsgeschehen nicht vollständig abgebildet werden (beispielsweise aufgrund fehlender realer Konsequenzen). Zusätzlich besteht die Gefahr, dass die Faszination der Technik von den Inhalten ablenkt. Mit zunehmendem Alter muss außerdem vermehrt mit Symptomen der sogenannten Cyberkrankheit wie Schwindel oder Kopfschmerzen gerechnet werden.

Empfehlungen
Im Bereich der Verkehrssicherheitsarbeit sind besonders Trainingswelten, die sichere Verhaltensweisen vermitteln, besonders zu empfehlen, wenn reales Training nicht möglich, zu risikoreich oder zu aufwändig ist. Vielversprechende konkrete Einsatzfelder sind hierbei die Gefahrenerkennung, der Perspektivenwechsel zwischen Verkehrsteilnehmenden, die Sensibilisierung für riskantes Verhalten sowie das Erlernen sicheren Fußgängerverhaltens. Der verkehrssicherheitsrelevante Mehrwert hängt jedoch sehr stark von den vermittelten Inhalten und deren didaktischer Einbettung in ein Gesamtkonzept ab. VR sollte stets nur als Ergänzung zu anderen Methoden verstanden werden. Aufgrund der bislang begrenzten Studienlage können die vorliegenden Wirksamkeitsnachweise jedoch nur als erste Hinweise gelten. Der tatsächliche Nutzen für nachhaltige Verhaltensänderungen muss weiter empirisch untersucht werden. In jedem Fall sollten VR‑Anwendungen jedoch zielgruppengerecht, reflexionsorientiert und ohne Schockmomente gestaltet werden. Sie sollten altersbedingte Risiken wie Cyberkrankheit berücksichtigen sowie eine fachlich‑technische Begleitung inklusive Eingewöhnungsphase anbieten. Als besonders geeignete Zielgruppen gelten Jugendliche, Führerscheinneulinge und Berufskraftfahrende, während vom Einsatz bei Kindern unter zehn Jahren sowie bei älteren Personen abzuraten ist.

Der Projektendbericht zum Download:
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