Und täglich grüßt der Tempomat: Fahrerassistenzsysteme im KFV-Praxistest

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Moderne Helferlein am Steuer: Was bringen Fahrerassistenzsysteme im Alltag des Straßenverkehrs? Wie sehr erleichtern sie die Fahrt? Wie sehr erhöhen sie die Sicherheit? Wo muss der Mensch noch die Oberhand über die Maschine behalten? Komfort versus Nervenkitzel: Stärken und Schwächen der elektronischen Unterstützung beleuchtet ein aktueller KFV-Praxistest. 

Am Steuer stets zu Diensten? Technik als verlässliche Fahrkomfortgarantie und reibungslose Rettung in der Not? Die Maschine, die dem Menschen am Lenkrad assistiert, ist ein omnipräsentes Thema unserer mobilen Welt von heute und morgen. Doch noch nicht alle Fahrerassistenzsysteme (FAS) sind rundum alltagstauglich. Zu komplex ist die technische Materie, noch unausgereift so manches System, übergroß das Angebot der neuen Möglichkeiten. Komfort und Sicherheit unter der Lupe: Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) testete acht verschiedene Assistenzsysteme im Alltag.

Assistenzsysteme im KFV-Praxistest
Im Rahmen eines Praxistests im Sommer und Herbst 2021 evaluierte ein KFV-Forschungsteam Handhabung, Zuverlässigkeit, Komfort und Verkehrssicherheit acht moderner Fahrerassistenzsysteme von Fahrzeugen verschiedener Marken und Klassen – Kleinwagen, Kompakt- und Mittelklasse. Der Fokus der Forscher*innen lag dabei auf Alltagssituationen im Straßenverkehr. Die KFV-Expert*innen testeten die Mensch-Maschine-Schnittstellen zu unterschiedlichen Tageszeiten und Verkehrsdichten im realen Straßenverkehr auf Autobahnen sowie Landes- und Gemeindestraßen im Freiland und Ortsgebiet.

Hier eine erste Auswahl er-fahrener Fakten:

  • Adaptiver Tempomat
    Der Geschwindigkeitsregler, auch Tempomat oder Cruise Control, sorgt mittels Regulierung des Drehmoments für gleichmäßige Geschwindigkeit. Der adaptive Tempomat (Adaptive Cruise Control – ACC) misst darüber hinaus die Distanz zum vorausfahrenden Fahrzeug und dessen Geschwindigkeit, passt sich dynamisch an und hält den eingestellten Mindestabstand ein.

Tenor der Tester*innen: Auf längeren Autobahnfahrten mit gleichbleibender Fahrgeschwindigkeit vorteilhaft und komfortabel.

  • Spurhalteassistent, Spurwechsel- und Totwinkelassistent
    Verliert das System die Spur, wird der Mensch am Steuer mittels visueller, akustischer oder taktiler Warnung darauf aufmerksam gemacht. Innovativere Systeme greifen in die Lenkung ein und dirigieren das Fahrzeug zurück in die Fahrspur, bis die Gefahr gebannt ist. Durch Gegendruck oder Blinker-Einsatz wird das System übersteuert. Spurwechsel- und Totwinkelassistenten behalten entgegenkommende und auf Nachbarspuren befindliche Fahrzeuge im Visier. Setzt der Mensch zum Spurwechsel an, warnt das FAS vor sich nähernden und im toten Winkel befindlichen Fahrzeugen.

Tenor der Tester*innen: Die getesteten Spurhaltesysteme zeigten in der Praxis große Unterschiede. Für das einwandfreie Funktionieren der Systeme sind jedenfalls klar gekennzeichnete Fahrstreifenmarkierungen essenziell.

  • Verkehrszeichenerkennung
    Der Verkehrszeichenassistent erkennt – mittels GPS-Daten oder kamerabasiert – das aktuell geltende Tempolimit und zeigt es am Display an bzw. warnt durch akustische, visuelle oder taktile Signale bei Überschreitungen. Erst in Kombination mit anderen FAS wird die Fahrgeschwindigkeit geregelt.

Tenor der Tester*innen: In Sachen Sicherheit leider noch viel Luft nach oben. Aktuell geltende Tempolimits wurden – etwa in Baustellenbereichen – oft falsch oder gar nicht erkannt. Auch Verkehrszeichen mit Zusatztafeln bereiten manchen Systemen Probleme – was zu riskanten Situationen führen kann: etwa einer Notbremsung von 80 auf 5 km/h auf der Autobahn.

  • Automatischer Notbremsassistent (Advanced Emergency Braking System, AEBS)
    Die Sensoren des Notbremsassistenten überwachen das unmittelbare Fahrzeugumfeld. Droht ein Auffahrunfall, wird der vom Menschen ausgeübte Bremsdruck verstärkt oder eine Vollbremsung eingeleitet. Im Falle einer unvermeidlichen Kollision wird die Schwere des Aufpralls vermindert. Viele Systeme erkennen mittlerweile nicht nur Pkw, sondern auch ungeschützte Verkehrsteilnehmende.

Tenor der Tester*innen: AEBS ist das Assistenzsystem mit dem wohl höchsten Sicherheitspotenzial. Bei den KFV-Testfahrten wurden bewusst keine Kollisionen riskiert, dennoch erforderten einige Situationen Voll- oder Teilbremsungen. In einigen Fällen reagierte das System gefühlt sehr spät, in anderen bremste es ohne Bedarf. Kritisch: Einspurige Fahrzeuge werden nicht immer erkannt.

Fazit des KFV-Forschungsteams:

  • Handhabung
    Die Bedienung moderner Fahrerassistenzsysteme funktioniert meist intuitiv. Eine umfassende Einschulung ist dennoch ein Muss, Routine in der Kooperation mit dem System braucht ihre Zeit. Zur Auslotung der Optionen und Systemgrenzen sollten alle unbekannten Symbole und Quellen akustischer, visueller oder taktiler Warnungen im Benutzer*innenhandbuch bzw. mit Hilfe fachlicher Beratung erkundet werden.
  • Zuverlässigkeit
    Für das einwandfreie Funktionieren der Systeme sind optimale Straßenbedingungen (Stichwort Fahrstreifenmarkierungen) und die korrekte Erkennung der Situation (Stichwort Tempo vor Kreuzungen) das A & O. Die Erkennung von Verkehrsschildern (Stichwort Tempolimits) ist noch ausbaufähig und sollte aktiv überwacht werden. Auch viele weitere – oft brenzlige – Situationen werden von Assistenzsystemen derzeit noch falsch bewertet.
  • Komfort
    Die getesteten Systeme sind vorrangig für den Einsatz auf Autobahnen und Schnellstraßen geschaffen. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase in die Funktionsweisen der Systeme sind diese dem Menschen meist hilfreich und erleichtern die Bewältigung vieler Fahraufgaben. Je mehr FAS eingebaut sind, desto größer und ausgereifter ist meist auch deren Unterstützung. Einige Funktionen stecken in technologischer Hinsicht aber noch in den Kinderschuhen.
  • Verkehrssicherheit
    Die KFV-Praxistest-Erfahrungen zeigen: Fahrerassistenzsysteme können – bei korrektem Einsatz – Unfälle vermeiden oder zumindest die Unfallschwere verringern. Um das volle Sicherheitspotenzial der innovativen Technologie auszuschöpfen, ist das Wissen um richtige Handhabung, Funktionsumfang und Systemgrenzen von großer Bedeutung. Die meisten FAS sind in vergleichbarer Weise intuitiv bedienbar, je nach Fahrzeugmodell und -marke sind aber Unterschiede im Handling gegeben.

Nicht zu vergessen: Der Mensch muss die Maschine im Auge behalten. Fahrerassistenzsysteme sind eben nur Assistenzsysteme, die den*die Lenker*in während der Fahrt unterstützen sollen. Sie sind noch nicht imstande, vollautonom alle Verkehrssituationen zu meistern und müssen daher konsequent überwacht werden. Die Devise für sicheres Autofahren lautet also: Lenker*innenauge, bleib wachsam!

Weitere Informationen: www.smartrider.at
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