Helmpflicht bei E-Bikes könnte 300 Schädel-/Hirn-Verletzungen pro Jahr verhindern

228

Die Forderung nach einer allgemeinen Helmpflicht bei E-Bikes wird von den E-Bike-Fahrenden selbst mittlerweile mehrheitlich befürwortet, dennoch stößt die Maßnahme derzeit bei einigen noch auf Widerstand. Auch bei der Einführung der Radhelmpflicht für Kinder bis 12 Jahren im Juni 2011 gab es Gegenstimmen.  Aus heutiger Sicht klingen die damaligen Gegenargumente ebenso befremdlich, wie die Vorbehalte vor der Einführung des Handy-Verbots am Steuer von Pkw, wo Österreich sogar einer der Vorreiter in Europa war. Bei der allgemeinen Helmpflicht für E-Bikes gibt es neuerlich die Chance Vorbild zu sein. Dadurch könnten in Österreich pro Jahr 300 Schädel-/Hirn-Verletzungen verhindert werden, wie Berechnungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) zeigen. 

Wien, 13. Mai 2024. „Die Helmpflicht für Kinder und Jugendliche löst keine Probleme“, lautete einer der Vorbehalte, bevor im Juni 2011 die Radhelmpflicht für Kinder bis 12 Jahren beschlossen wurde. Heute ist die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme längst Konsens im Land. Auch die Daten sprechen eine klare Sprache, wie Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter des Bereichs Verkehrssicherheit im Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) erläutert: „Vor der Einführung der Radhelmpflicht für Kinder im Juni 2011 lag der Anteil an Kopfverletzungen in dieser Altersgruppe bei 23 Prozent, im Jahr 2021 aber nur mehr bei 10 Prozent, was einem Rückgang von 57 Prozent entspricht.“

Elektromobilität hat auch die Gefahr für Erwachsene erhöht

Pedelecs sind bei Erwachsenen besonders beliebt. Die elektronische Tretunterstützung erhöht allerdings nicht nur die Bequemlichkeit, sondern ermöglicht auch eine höhere Geschwindigkeit und bessere Beschleunigung. Dadurch ist die Gefahr für Erwachsene spürbar gestiegen. Das Durchschnittsalter der mit E-Bikes verunglückten Personen liegt im 5-Jahresschnitt bei 55 Jahren. „Die meisten Erwachsenen haben das Radfahren noch mit herkömmlichen Fahrrädern gelernt, wobei E-Bikes schwieriger zu manövrieren sind. Wie KFV-Umfragen zeigen, sind die häufigsten Probleme beim Umstieg vom Fahrrad auf das E-Bike das höhere Gewicht, gefolgt vom anderen Bremsverhalten, dem höheren Tempo und generell die Bedienung“, so Dipl.-Ing. Robatsch.

„Wie KFV-Umfragen zeigen, sind die häufigsten Probleme beim Umstieg vom Fahrrad auf das E-Bike das höhere Gewicht, gefolgt vom anderen Bremsverhalten, dem höheren Tempo und generell die Bedienung“

Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter des Bereichs Verkehrssicherheit im KFV©KFV
Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter des Bereichs Verkehrssicherheit im KFV©KFV

Im Jahr 2023 wurden in Österreich rund 11.100 Personen beim Fahren mit dem E-Bike so schwer verletzt, dass sie im Spital behandelt werden mussten (davon 8.900 im Straßenverkehr). 19 Menschen sind nach einem Unfall mit dem E-Bike im Straßenverkehr sogar verstorben. Auch 2024 gab es bereits erste Todesfälle. Wie Befragungen in Spitalsambulanzen und Hochrechnungen durch das KFV zeigen, wurden 11 Prozent der Verletzten in den letzten 7 Jahren bei E-Bike-Unfällen am Kopf verwundet und 7 Prozent erlitten Schädel-/Hirnverletzungen.

KFV fordert Helmpflicht für E-Bikes

KFV-Berechnungen zeigen ebenfalls, dass das Risiko bei einem Unfall mit dem E-Bike eine Schädel-/Hirnverletzung zu erleiden ohne Helm sieben Mal höher ist als mit Helm. „Das verpflichtende Tragen eines Helms für alle Altersgruppen hätte in den vergangenen 7 Jahren mehr als 2.200 Schädel-/Hirnverletzungen verhindern können. Das sind mehr als 300 Fälle pro Jahr. Je eher also die allgemeine Helmpflicht für E-Bikes eingeführt wird, desto mehr menschliches Leid kann verhindert werden“, ist der Leiter der Verkehrssicherheit im KFV überzeugt. Gelten sollte die Helmpflicht auch für E-Scooter, aber nicht für Personen über 12 Jahren, die mit herkömmlichen Fahrrädern unterwegs sind. Zusätzlich zur Helmpflicht für E-Bikes fordert das KFV zur Erhöhung der Verkehrssicherheit aber auch den massiven Ausbau der Radinfrastruktur mit ausreichend breiten Radfahranlagen.

Auch bei anderen sinnvollen Maßnahmen gab es anfangs Gegenwind

Österreich hat nun die Chance bei der Einführung der allgemeinen Helmpflicht für E-Bikes neuerlich Vorreiter in Europa zu werden. Bereits vor mehr als 20 Jahren gehörte die Alpenrepublik bei der Einführung des Mehrphasenführerscheins zu den ersten Ländern in Europa. Ähnliche Pionierarbeit hat Österreich bei der Einführung des Telefonier-Verbots am Steuer ohne Freisprecheinrichtung vor 25 Jahren geleistet. „Widerstände hat es vor der Einführung von Neuerungen im Straßenverkehr leider immer wieder gegeben, die heute nicht mehr in Frage gestellt werden, weil dadurch unzählige Menschen gerettet werden konnten. Sei es nun durch die Einführung des Tempolimits auf Autobahnen vor 50 Jahren oder die Einführung der Gurtpflicht vor 40 Jahren“, betont Dipl.-Ing. Robatsch.

Fakten aus der Verkehrssicherheitsforschung

  • Die Helmtragequote bei E-Bikes (62%) ist in Österreich bereits jetzt deutlich höher als bei herkömmlichen Fahrrädern (40%). Viele Menschen sind sich also der höheren Gefahr bewusst. Aber nicht alle. Nur knapp mehr als ein Drittel der im Straßenverkehr mit einem E-Bike tödlich verunglückten Personen trugen zum Unfallzeitpunkt einen Helm.
  • Eltern sorgen sich nicht nur um das Wohlergehen ihrer Kinder, sondern auch umgekehrt die Kinder um ihre Eltern. Erwachsene haben zudem immer eine Vorbildfunktion. Daher lohnt es sich auch aus diesen Gründen einen Helm zu tragen.
  • Wenn man den Helm mit LED oder Reflektoren ausstattet, wird die Sichtbarkeit im Straßenverkehr erhöht. Damit Unfälle erst gar nicht geschehen.

Presseaussendung .pdf