Trendig, männlich, rücksichtslos?

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Auf E-Scooter-Spuren durch Wien: Eine neue Studie beleuchtet Konflikte & Chancen.

Rund um die Welt boomen E-Scooter im Stadtverkehr – so auch in Wien. Des einen Freud, des anderen Leid: Die Omnipräsenz dieser wendigen, trendigen Fahrzeuge sorgt nicht nur für Spaß, sondern auch für Stress. Der E-Scooter-Sharing-Markt wächst rasant, mit ihm auch der Unmut vieler StraßenbenutzerInnen über rücksichtsloses Fahrverhalten und achtlos abgestellte Scooter, die vielerorts zum Hindernis werden. Trotz neuer gesetzlicher Regelungen in puncto E-Scooter-Nutzung im Straßenverkehr sind so manche Probleme noch ungelöst.

Persönliche Befragung, stationäre und mobile Observation
Auf den Status quo des E-Scooter-Verkehrs in Wien und mögliche Problemlösungen fokussierte sich eine frisch publizierte TU-Diplomarbeitsstudie in Zusammenarbeit mit dem KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit). Nach Betrachtung der aktuellen rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen wurden per Online-Fragebogen 169 Personen, E-Scooter-NutzerInnen und -NichtnutzerInnen, nach persönlich beobachteten und selbst erlebten Verkehrskonflikten mit E-Scootern und weiteren verkehrssicherheitsrelevanten Aspekten befragt. Um authentische Konflikte mit E-Scootern live zu dokumentieren, wurden Verkehrskonfliktbeobachtungen auf Wiens Straßen durchgeführt – an fixen Standorten und mittels mobiler Observation.

Scooter-Fahrer unterwegs: hohes Tempo, niedrige Moral
Die Resultate der Studie zeigen: Konflikte entstehen meist auf Verkehrsflächen, die mit dem Rad- oder Fußgängerverkehr geteilt werden – auf Radwegen und in Begegnungs- und Fußgängerzonen. Verursacher der meisten Konflikte sind männliche E-Scooter-Fahrer – durch Unachtsamkeit, überhöhte Geschwindigkeit und aggressives Fahrverhalten. Mobile Beobachtungen beweisen: Jede/r dritte E-Scooter-Fahrende in Wien verstößt gegen die Verkehrsregeln, etwa durch Missachtung roter Ampeln oder das Befahren des Gehsteigs. Beim Abbiegen wird allzu gern auf das Handzeichen verzichtet, wohl zum Nutzen der körpereigenen Stabilität. Spannend wird es oft auch beim Hintereinanderfahren, Überholen und Vorbeifahren mit zu geringem Seitenabstand.

Die Wunschliste der E-Scooter-Experten
Fazit: E-Scooter-Fahren ist nicht nur Fun, sondern auch Risiko – vor allem für andere Straßenbenutzer rundum. Studienautor Moritz Hutterer empfiehlt daher im Einklang mit den KFV-ExpertInnen Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit und hält auch konkrete Tipps für Sharing-Anbieter und NutzerInnen der E-Scooter-Mobilität bereit:

  • Produktion von stabileren Scootern: Robustere E-Scooter mit größeren, breiteren Reifen schaffen mehr Stabilität beim Fahren und Abstellen.
  • Gesetzliche Blinker-Pflicht: Die sicherste Alternative zu fehlenden Handzeichen und wackeligen Abbiegemanövern sind fix am Scooter montierte Blinker, die bei gesetzlicher Verpflichtung zur Norm werden können. Nachrüstungspflicht inklusive.
  • Strengere Regeln für bessere Bremsen: Kurze Bremswege sind überlebenswichtig. Ein Praxis-Test verschiedener E-Scooter-Modelle zeigte allerdings große Unterschiede in der Länge der einzelnen Bremswege. Die Qualität der Bremsen bedarf also strengerer gesetzlicher Vorgaben.
  • Ausbau der Radinfrastruktur: Mit steigender E-Scooter-NutzerInnenzahl steigt auch die Auslastung der Radwege und Straßen. An besonders stark frequentierten Streckenabschnitten ist daher ein Ausbau der Radinfrastruktur angesagt.
  • Information & Bewusstseinsbildung: Nur wenige befragte NutzerInnen wussten über die für E-Scooter erlaubten Verkehrsflächen Bescheid. Information über rechtliche Grundlagen ist aber Voraussetzung für sicheres Fahren. Nicht nur Wissen, auch Bewusstsein ist ein Muss: Ja, die StVO gilt auch für E-Scooter-NutzerInnen! Wünschenswert sind polizeiliche Schwerpunktkontrollen, gezielte Information über Strafhöhen bei Regelmissachtungen und aktive Kommunikation beim Scooter-Verleih.
  • Früh übt sich: Mobilitätserziehung beginnt bereits in frühester Kindheit – und sollte mit der Zeit gehen. Etablierte Trendgeräte wie der E-Scooter sollten Bestandteil der freiwilligen Radfahrprüfung sein. Testtage und Einschulung inklusive.
  • Mach dich sichtbar: Bei Dämmerung und Dunkelheit werden Scooter-Fahrende schnell zu Schattenfiguren. Helle Kleidung – am besten Warnwesten – und Reflektoren an Helm, Outfit und Fahrzeug machen Unsichtbare sichtbarer.
  • Vorsicht, Voraussicht & Rücksicht: Begegnungen mit anderen StraßenbenutzerInnen und widrige Bedingungen wie Fahrbahnglätte, Laub oder holpriger Boden können mit vorausschauender Fahrweise und vernunftbetontem Tempo leichter gemeistert werden. In Begegnungs- und Fußgängerzonen, auf Radwegen und in Kreuzungsbereichen sollten E-Scooter-FahrerInnen besonders achtsam und angepasst unterwegs sein, um Konflikte und Kollisionen zu vermeiden.

Die gesamte Arbeit zum Download ist hier verfügbar: https://www.kfv.at/forschung/verkehrssicherheit/fachpublikationen/