Smarte Assistenz im Auto: Neuland oder Everybody‘s Darling?

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Fahrerassistenzsysteme im Pkw: unbekannte Wesen oder Technik, die begeistert? Das KFV nahm Wissen und Einstellung der österreichischen Bevölkerung in einer aktuellen Umfrage erneut unter die Lupe. Fazit der Forscher*innen: Die Nutzung der Systeme nimmt zu, doch Vertrauen und Verständnis sind weiterhin ausbaufähig.

Das Fahrzeug wird manövriert, navigiert, stabilisiert. Ob Fahrdynamik, Licht oder Umfeldinformation – intelligent vernetzte Fahrerassistenzsysteme (FAS) unterstützen den Menschen am Steuer mit mehr Komfort und Sicherheit. Aus modernen Pkw von heute sind diese technischen Helferlein längst nicht mehr wegzudenken. Doch wie sieht das persönliche Feedback der Nutzer*innen aus? Ist es Euphorie für Technik, die rundum begeistert? Oder ist die Sympathie der Fahrer*innen für ihre smarte Assistenz (noch) eher schaumgebremst? Ist der innovative technische Support noch großteils Neuland oder bereits Everybody’s Darling?

Vision Zero: smarte Technik in tragender Rolle
Aus Sicht der Forschung werden Fahrerassistenzsysteme für uns früher oder später Freunde fürs Leben – und Überleben. KFV-Analysen und internationale Studien zeigen: Hochentwickelte Fahrerassistenzsysteme können signifikant zur Unfallvermeidung und Unfallfolgenminderung beitragen – der Risikofaktor Mensch wird kontrolliert, das Unfallrisiko deutlich reduziert.

Das EU-weit erklärte Ziel der „Vision Zero“ – keine Todesopfer und Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr – scheint mit smarter Hilfe leichter erreichbar. Eine tragende Rolle auf dem Weg dahin spielen vor allem jene Fahrerassistenzsysteme, die den Menschen am Steuer in kritischen Situationen aktiv unterstützen – zum Schutz der Fahrenden und Insassen, aber auch zum Schutz ungeschützter Verkehrsteilnehmender außerhalb des Fahrzeugs. Zufußgehende, Radfahrende, Scooter-Lenkende – auch für die Schwächsten auf der Straße bedeuten Fahrerassistenzsysteme ein großes Plus an Sicherheit.

Gemäß EU-Verordnungen sind unter anderem der Automatische Notbremsassistent, die Fahrer-Müdigkeitserkennung und Aufmerksamkeitsüberwachung, der Intelligente Geschwindigkeitsassistent (ISA), der Rückfahrassistent, der Notfall-Spurhalteassistent und die Vorrichtung zum Einbau einer alkoholempfindlichen Wegfahrsperre seit 2022 für neue Fahrzeugtypen bzw. ab 2024 für neu zugelassene Fahrzeuge verpflichtend.

Doch erfolgreiche Kooperation am Steuer braucht in der Praxis zwei Partner: Mensch & Maschine. Sicherheit ist Einstellungssache – gemischte Gefühle sind nicht die beste Basis für gelingendes Teamwork. Wie sieht also die aktuelle Stimmungslage der österreichischen Bevölkerung in Sachen Fahrerassistenzsysteme aus? Die jüngste KFV-Umfrage liefert spannende Ein- und Ausblicke.

Aktuelle KFV-Umfrage zeigt: vermehrte Nutzung, steter Informationsbedarf
Wie sieht also die Nutzung der Systeme in der Praxis aus? Für mobile Anwender*innen sind solides Grundwissen und hohe Akzeptanz aller verfügbaren Fahrerassistenzsysteme ein Muss, um die deren Unterstützung voll ausschöpfen zu können. Skepsis, Unkenntnis, Überforderung und falsche Verwendung bewirken wohl eher das Gegenteil: neue Stressfaktoren und erhöhtes Risiko.

Um konkreten Einblick in Wissensstand und Einstellung der österreichischen Führerscheinbesitzer*innen in puncto Fahrerassistenzsysteme zu gewinnen, führt das KFV seit 2019 repräsentative österreichweite Umfragen durch. Näher beleuchtet werden dabei jeweils

  • der Informationsstand der Fahrer*innen bezüglich Fahrerassistenzsystemen,
  • ihre Einschätzung des Beitrags von FAS zur Unfallvermeidung,
  • ihre Bereitschaft zur Nutzung fortschrittlicher Fahrerassistenzsysteme sowie
  • der Einfluss dieser Systeme beim Fahrzeugkauf.

Die KFV-Umfrage 2021/22 zeigt klar erkennbare Trends: Der Bekanntheitsgrad der meisten Fahrerassistenzsysteme ist gestiegen, ihre Nutzung stärker verbreitet. Das Informationsbedürfnis der Bevölkerung ist aber immer noch hoch.

Österreichs Wissen über FAS – die wichtigsten Ergebnisse der KFV-Umfrage:

  • Mehr als drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass Fahrerassistenzsysteme in Zukunft Teil der allgemeinen Fahrausbildung in Theorie und Praxis sein sollten. Annähernd 2/3 der befragten Personen wären sogar künftig bereit, selbst eine halbtägige Schulung über Fahrerassistenzsysteme zu besuchen.
  • Ein Drittel der Befragten gibt an, dass in ihrem vertrauten Pkw Fahrerassistenzsysteme vorhanden seien.
  • Relevanten Einfluss auf Pkw-Kaufentscheidungen haben Einparkassistent, Tempomat, Spurhalteassistent und Abstandsregeltempomat (ACC).
  • Besonders hohen Bekanntheitsgrad genießen hierzulande Tempomat (97 %), Einparkassistent (92 %), Reifendruckkontrollsystem (89 %), Kollisionswarnung (85 %) und Spurhalteassistent sowie Geschwindigkeitsbegrenzer (jeweils 84 %).
  • Die wesentlichsten Gründe für die FAS-Nichtnutzung: fehlender Bedarf, dürftiges Vertrauen in die Technik, mangelhaftes Know-how, Wunsch nach Selbstbestimmung.
  • Die größten Erfolge zur Verhinderung von Personenschadenunfällen und Unfällen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmenden und zur Verminderung von Folgen derartiger Unfälle verspricht man sich vom automatischen Notbremsassistenten, vom Totwinkelassistenten und vom Nachtsichtassistenten.
  • 19 % der Befragten hatten als Pkw-Lenker*innen bereits einmal einen Unfall oder Beinahe-Unfall mit ungeschützten Verkehrsteilnehmenden. 53 % dieser persönlich Betroffenen waren der Meinung, dass ein Fahrerassistenzsystem zur Unfallvermeidung beigetragen hätte. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 hätten dies nur 41 % vermutet – ein zarter Vertrauenszuwachs ist also durchaus wahrnehmbar.
  • Frauen beschaffen sich benötigte Fakten bevorzugt im Verkaufsgespräch des Autohandels und im Freundes- und Bekanntenkreis. Männer informieren sich vornehmlich in Autozeitschriften und im Internet.
  • Bei der Hälfte der Befragten besteht der Wunsch nach mehr Information zu Versicherungs- und Haftungsfragen (50 %). Darüber hinaus möchte man Updates über die Handhabung von Fahrerassistenzsystemen (39 %), Gefahren bei falscher Handhabung (47 %), rechtliche Regelungen (43 %), Kosten (41 %) und technische Grenzen (44 %).
  • Die meistgestellten Fragen der österreichischen Bevölkerung beziehen sich auf die Verantwortung bei der Benutzung der modernen Fahrerassistenzsysteme, vor allem im Falle eines Versagens der Systeme, und auf die gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich der vorgeschriebenen FAS in Pkw.

Fazit der KFV-Fachleute: Mehr Aufklärung für mehr Akzeptanz und Sicherheit!
Das Fazit des KFV-Forschungsteams lautet: Das Vertrauen der Österreicher*innen in moderne Fahrerassistenzsysteme ist seit der ersten Umfrage 2019 stärker geworden, aber immer noch nicht stark genug. Ausbaufähig zeigen sich auch das technische Verständnis der Bevölkerung und ihr Wissen um gesetzliche Regelungen.

Die Ergebnisse der KFV-Befragung 2021/22 sind also ein Appell für mehr Aufklärungsarbeit. Zur Steigerung der Akzeptanz von Fahrerassistenzsystemen und zur vollen Ausschöpfung ihres Sicherheitspotenzials sind Wissen und Bewusstsein der Nutzenden essenziell.

Die vollständige Studie finden Sie hier als Download-Version:
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