Shared Mobility und Verkehrssicherheit

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Shared Mobility ist ein Mittel im Kampf gegen steigende Kosten und Klimawandel. Das Angebot wird in Österreich laufend ausgebaut und hat sich in einigen Regionen bereits zu einer echten Alternative zum eigenen Fahrzeug entwickelt. Doch die Frage, wie es um die Verkehrssicherheit bei der Nutzung von Shared-Mobility-Angeboten steht, wurde bisher noch nicht umfassend analysiert, und eine verlässliche statistische Datengrundlage fehlt derzeit. Das KFV und die TU Wien beleuchten mit einer umfragebasierten Studie die sicherheitsrelevanten Aspekte der Shared Mobility aus Sicht der Nutzer*innen.

Gemeinsam nutzen statt allein besitzen – das ist die Idee hinter den verschiedenen Formen der Shared Mobility. Vor allem in Österreichs Städten hat sich das zeitlich befristete Fahren mit geliehenen Pkw, (E-)Fahrrädern und E-Scootern weitgehend etabliert und auch in ländlichen Gebieten wird das Angebot laufend erweitert. Die Vorteile der Shared Mobility liegen auf der Hand: Wer nur selten einen Pkw für größere Besorgungen oder Ausflüge braucht, spart sich mit Sharing-Autos die laufenden Erhaltungskosten und natürlich die Anschaffungskosten. Zusätzlich entlastet das gemeinsame Nutzen von Pkw die Umwelt, und die Nutzer*innen haben außerdem die Wahl: Je nach Bedarf können sie eine andere Fahrzeugart und die passende Fahrzeuggröße (z. B. für einen Großeinkauf oder einen Ausflug) auswählen. (E-)Fahrräder und E-Scooter wiederum ermöglichen eine flexiblere Mobilität auf kurzen Strecken, unabhängig von oder in Kombination mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Allerdings wirft die wachsende Zahl an Nutzer*innen von Sharing-Angeboten auch eine Frage auf: Wie steht es um die Verkehrssicherheit, wenn Personen immer wieder neue, ungewohnte Fahrzeuge für ihre Mobilitätsbedürfnisse verwenden? Derzeit werden Unfälle mit Sharing-Fahrzeugen in der amtlichen österreichischen Verkehrsunfallstatistik nicht gesondert erfasst, daher können keine Aussagen über die Unfallhäufigkeit und das Unfallrisiko getroffen werden.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit hat in einer gemeinsamen Studie mit der Technischen Universität Wien erhoben, welche Aspekte der Shared Mobility einen Einfluss auf die Verkehrssicherheit der Nutzer*innen haben können und wie häufig Unfälle und Beinahe-Unfälle aus deren subjektiver Sicht passieren. Für diesen Zweck wurden 458 Nutzer*innen und Nicht-Nutzer*innen von Shared Mobility online und in Fokusgruppen befragt, ebenso wie Expert*innen aus dem Bereich der Verkehrssicherheit und Mobilität.

Warum Shared Mobility?
Unter den Nutzer*innen von Shared Mobility zeigte sich, dass der Großteil die jeweiligen Sharing-Fahrzeuge nur ein paar Mal pro Monat für verschiedene Mobilitätszwecke verwendet. Nur ein Sechstel der Nutzer*innen nimmt das vorhandene Angebot mehrmals pro Woche in Anspruch. Als Nutzungsmotiv stehen Zeit- und Kostenersparnis im Vordergrund. Eine wesentliche Rolle spielt aber auch das gute Gefühl, keine Verantwortung für ein eigenes Fahrzeug zu haben und gleichzeitig die Umwelt zu schonen.

Der Umgang mit Risiken
Ein Nachteil bei der Nutzung von Shared Mobility ist, dass die Nutzer*innen mit den ausgeliehenen Fahrzeugen nicht immer vertraut sind. Im Sinne der Verkehrssicherheit sollte etwas Zeit darauf verwendet werden, das Fahrzeug zunächst kennenzulernen, um nicht während der Fahrt mit ungewohnten Features konfrontiert zu werden, die man nicht im Griff hat. Über alle Arten der Shared Mobility hinweg zeigt sich jedoch, dass sich die Nutzer*innen mit dem zugeteilten Fahrzeug vor Fahrtantritt relativ kurz befassen.

Generell lässt sich sagen, dass Sharing-Nutzer*innen recht selbstbewusst an die Fahrt mit einem unbekannten Fahrzeug herangehen und aus subjektiver Sicht gut oder eher gut damit zurechtzukommen. Es zeigten sich allerdings Unterschiede aufgrund des Geschlechts und der Nutzungshäufigkeit.

Die eigene Sicherheit im und am Sharing-Fahrzeug
(E-)Bikes und E-Scooter werden im Alltag oft spontan genutzt. Deshalb überrascht es nicht, dass beinahe zwei Drittel (65 %) der Nutzer*innen von Bikesharing und mehr als drei Viertel (77 %) der Nutzer*innen von Sharing-E-Scootern während der Fahrt keinen Helm benutzen. Aus Sicht der Befragten ist es nicht praktikabel, ständig einen eigenen Helm dabei zu haben.  Beim Carsharing geht es auch um die Sicherheit der mitfahrenden Personen, vor allem von Kindern. Von jenen befragten Personen, die in Begleitung von Kindern unter 14 Jahren mit Carsharing-Fahrzeugen unterwegs sind, gaben mehr als drei Viertel (77 %) an, dabei immer einen Kindersitz zu verwenden. Im Vergleich dazu zeigen Beobachtungen des KFV aus dem Jahr 2022 eine Kindersicherungsquote von 99 Prozent im (Privat-)Pkw.

Unfälle und gefährliche Situationen mit Sharing-Fahrzeugen
Aus der persönlichen Perspektive der Sharing-Nutzer*innen betrachtet, passieren beim Fahrzeug-Sharing wenige Unfälle. Nur etwa jede*r zwölfte Nutzer*in (8 %) war am Steuer eines Sharing-Fahrzeugs bereits direkt in einen oder mehrere Unfälle verwickelt. Kritische Situationen, die aber nicht zu einem Unfall geführt haben, hatten die Sharing-Nutzer*innen aus ihrer subjektiven Sicht häufiger erlebt: Ein knappes Drittel (32 %) gab an, vor allem mit anderen Verkehrsteilnehmer*innen schon riskante Situationen erlebt zu haben.

Der Sharing-Bedarf ist groß
Die Frage nach der zukünftigen Nutzung zeigt, dass das Potenzial der Shared Mobility noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die befragten Nutzer*innen aller Sharing-Arten würden das Angebot noch häufiger nutzen, wenn es am Wohnort besser verfügbar wäre, wenn es günstiger wäre und die Abstellmöglichkeiten verbessert werden. Unter den aktuellen Nicht-Nutzer*innen gaben sogar 71 % an, dass sie Sharing-Fahrzeuge nutzen würden, wenn es dafür in ihrer Wohnumgebung das Angebot geben würde.

Sharing is caring – Vorschläge für verkehrssichere Shared Mobility
Für die Betreiber*innen von Shared Mobility ist das eine erfreuliche Nachricht, gleichzeitig aber ein Auftrag: Je stärker das Angebot genutzt wird, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Unfällen. Die Nutzer*innen von Sharing-Angeboten selbst und auch das KFV haben einige Vorschläge für die Verkehrssicherheit bei dieser Form der Mobilität.

Das KFV appelliert an die Nutzer*innen von Shared Mobility, vor der Fahrt mit einem geliehenen Fahrzeug ausreichend Zeit einzuplanen, um sich mit dem Fahrzeug, dessen Funktionen und Ausstattung (z. B. Fahrerassistenzsystemen) vertraut zu machen. Potenzial für Verbesserung gibt es in der Bewusstseinsbildung für Nutzer*innen, Betreiber und Kommunen – etwa über gesetzliche Regelungen oder die Voraussetzungen in der Infrastruktur, um ein attraktives und sicheres Sharing-Angebot zu etablieren.

Durch die Studie ist aber auch offensichtlich geworden, dass die Datenbasis in puncto Shared Mobility deutlich verbessert werden muss. Shared Mobility ist kein Trend oder eine vorübergehende Erscheinung, sondern eine Form der Verkehrsteilnahme, die bleibt und in den kommenden Jahren weiter wachsen wird. Eine gute Datengrundlage ist die Voraussetzung, um gezielte Maßnahmen für die sichere Nutzung von Sharing-Fahrzeugen entwickeln zu können.

Die vollständige Studie erhalten Sie hier als Download-Version:
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