(E-)Radfahrer*innen auf Arbeitswegen: Leuchtende Vorbilder mit hohem Risiko

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Radfahren wird auch auf Arbeitswegen immer populärer – als alternative Mobilitätsform eine umweltfreundliche und grundsätzlich gesunde runde Sache. Je häufiger der Tritt in die Pedale, desto höher aber leider auch die Unfallfrequenz. Der sichere Arbeitsweg ist das Ziel: Mehr Schutz für (E-)Radfahrer*innen ist dringend gefragt. Eine KFV-AUVA-Studie liefert neue Erkenntnisse aus der Rad-Realität als Basis für probate Präventionsmaßnahmen.

Fahrradunfälle auf Arbeitswegen im Fokus: Eine KFV-Studie in Kooperation mit der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) beleuchtet den Status quo in Sachen Velo-Verkehr zur Entwicklung gezielter Präventionsmaßnahmen. Untersucht wurden Radunfalldaten der KFV Injury Database (IDB), eine Online-Befragung von AUVA-Versicherten mit Radunfallerfahrung auf dem Arbeitsweg lieferte zusätzliche Details zu Unfällen, die aus der Statistik nicht hervorgehen. Österreichweit abgehaltene Fokusgruppen brachten wertvolles Feedback von Personen, die regelmäßig per (E-)Fahrrad zur Arbeit fahren. Als vierte Informationsquelle dieser Studie dienten Konfliktbeobachtungen an Radunfall-Hotspots und spezifisch problematischen Kreuzungen.

(E-)Rad-Wegunfälle unter der Lupe
Wie kommt es zu (E-)Rad-Wegunfällen? Welche sind die wesentlichen Risikofaktoren? Hier die wichtigsten Studienresultate im Überblick:

  • Gefährlich gute Bedingungen
    Gerade günstige Fahrbedingungen können gefährlich sein: Sonnenschein und trockene Fahrbahn verführen zu beschwingtem Tempo und überhöhtem Sicherheitsgefühl. Die meisten berichteten Fahrrad-Wegunfälle ereigneten sich bei trockener Witterung (84% der Alleinunfälle, 92% der Kollisionen mit Unfallgegner*innen) und Tageslicht (78%) und in der klassischen Fahrradsaison von April bis November.
  • Under Pressure
    Risikofaktor Stress: Zeitdruck und Eile prägen Arbeitswege besonders in den Morgenstunden. Der Tages-Peak der Radunfälle zeigt sich zwischen 07:00 und 09:00 Uhr Früh (41%). Die Abendspitze ist dagegen schwach ausgeprägt (17:00 – 19:00 Uhr; 14%).
  • Mangel an Konzentration
    Konzentrationsmangel spielt gerade in stressigen Situationen oft eine unfallkausale Rolle. Doch auch bei guten Fahrbedingungen lassen Konzentration und Aufmerksamkeit nach – dies bestätigen persönliche Aussagen aus den Fokusgruppen.
  • Vertraute Strecke – trügerische Sicherheit
    Die Ergebnisse der Fokusgruppen liefern auch Erkenntnisse in Sachen „Westentascheneffekt“: Speziell auf bekannten Fahrstrecken wie dem eigenen Arbeitsweg empfinden Fahrer*innen ein erhöhtes Sicherheitsgefühl – in Kombination mit anderen Faktoren führt diese trügerische Sicherheit zur Wahl erhöhter Geschwindigkeit.
  • Ablenkung, Unachtsamkeit, Fehleinschätzung
    Ablenkung wird in der Online-Befragung als häufige Unfallursache genannt – einerseits ablenkende eigene Verhaltensweisen, andererseits äußere Ereignisse, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch Fehleinschätzung des Verhaltens von Radfahrer*innen vonseiten anderer Verkehrsteilnehmer*innen führt zu Konflikten. Oft unterschätzt wird die ungewohnt hohe Geschwindigkeit von E-Bikes, deren Lenker*innen schneller als erwartet die Spur wechseln oder zu Kreuzungen gelangen. Die befragten Radfahrer*innen berichten aber auch von eigenen Fehleinschätzungen: etwa von glänzenden, zu spät als eisig erkannten Fahrbahnoberflächen.
  • Nasse, eisige, schneeglatte Fahrbahn
    Schlechte Witterungsbedingungen erhöhen die Aufmerksamkeit der Fahrer*innen und fördern vorsichtige Fahrweise. Doch auch nasse, rutschige, eis- oder schneeglatte Fahrbahnen werden von Radfahrer*innen oft verhängnisvoll falsch eingeschätzt.
  • Schlaglöcher, Schienen und andere Schikanen
    Mangelhafte Bodenbeschaffenheit ist die häufigste Unfallursache. Schienen sind besondere Schikanen, aber auch Schlaglöcher, glatter Bodenbelag und regennasse, rutschige Markierungen. Die Kombination mit hohem Tempo ist fatal – dies zeigt der hohe Anteil der Alleinunfälle von Radfahrer*innen auf dem Arbeitsweg.
  • Zu flott im Flow
    Straßenabschnitte ohne Querungspunkte verleiten (E-)Radfahrer*innen zu höheren Geschwindigkeiten, seltene Einmündungen werden leicht übersehen. Für Konflikte mit dem Gegenverkehr sorgen oft mangelnde Sichtweiten in Kurvenverläufen.
  • Kollisionen an Kreuzungen
    Knapp ein Drittel (30%) der (E-)Rad-Wegunfälle sind laut Unfallanalyse Zusammenstöße, vor allem mit Pkw (19%). Besonders kritisch sind nach Meinung der unfallerfahrenen Befragten komplexe Kreuzungssituationen, in denen der Vorrang der Radfahrer*innen missachtet wird. Fahrräder werden übersehen, verschwinden im toten Winkel, Sichtweiten sind eingeschränkt, Pkw nähern sich (viel) zu schnell an. Zu hohes Tempo der Radfahrer*innen in der Annäherung an Kreuzungen ist aber teils auch gegeben.
  • Rotlicht-Revoluzzer*innen
    Fokusgruppen und Online-Befragung lassen wissen: Die meisten Radfahrer*innen meinen, vertraute Verkehrssituationen selbst (sehr) gut einschätzen zu können. So fühlen sie sich dann auch im Recht, beim Wunsch nach flüssigem Vorankommen gegen so manche Regel zu verstoßen – etwa mit dem Überfahren roter Ampeln. Gerade auf komplexen Kreuzungen mit eingeschränkter Sicht kann dieser Leichtsinn aber schwere Folgen haben.
  • Unfallschwere und -folgen
    Prellungen (61%) und Abschürfungen (58%) dominieren die registrierten Verletzungsmuster. In der Statistik der bleibenden Schäden liegen Knochenbrüche an erster Stelle (58%), gefolgt von Abschürfungen (53%) und Prellungen (51%). Betroffen sind am stärksten die oberen Extremitäten (Handgelenk, Arme und Schultern) sowie Knie und Kopf. Rund 17% der Befragten leiden an Unfallfolgeschäden.
  • Verhaltensänderung nach dem Radunfall
    Wie hat die persönliche Radunfallerfahrung das Leben der Befragten beeinflusst? Die Antworten zeigen: Das Verhalten danach hängt von der individuellen Persönlichkeit ab.
    • 31% der Befragten gaben das Radfahren zur Arbeit auf.
    • 35% fuhren weiter mit dem Rad zur Arbeit und änderten ihr Fahrverhalten nicht.
    • 34% fuhren weiter mit dem Rad zur Arbeit, änderten aber ihr Fahrverhalten – teils kurz-, teils langfristig.

Maßnahmen für den Menschen als Maß aller DingeNicht das Automobil sollte Maß aller Dinge sein, sondern der Mensch. Wer statt per Pkw per Fahrrad zur Arbeit fährt, zeigt neue Wege auf – mit positiven Effekten für Umwelt und Gesundheit. Mehr Sicherheit für die Schwächsten im Straßenverkehr ist daher ein absolutes Muss. Die KFV-Expert*innen plädieren für einen nachhaltig wirksamen Maßnahmenmix, um Radfahren auf dem Arbeitsweg sicherer zu gestalten. Gefragt ist ein konzertiertes Zusammenspiel von Präventionsmaßnahmen in drei Bereichen:

  • Infrastruktur: Ein besseres Angebot erhöht die Sicherheit. Ausbau und Optimierung der Radverkehrs­infrastruktur mit einem dichtmaschigen Wegenetz, ausreichenden Breiten und Sichtweiten und einem griffigen Bodenbelag stehen ebenso auf der To-do-Liste wie die Entschärfung konfliktreicher Kreuzungen durch bauliche Maßnahmen und getrennte Ampelphasen für abbiegende Fahrzeuge und geradeaus fahrende Radfahrer*innen.
  • Mensch: Intensivierte Bewusstseinsbildung mit Fokus auf Toleranz und Rücksichtnahme und Problematiken wie Geschwindigkeit, Ablenkung und Missachtung von Verkehrsregeln ist dringend angesagt.
  • Fahrzeugtechnik: Die Entwicklung und der Einsatz innovativer Maßnahmen im Bereich der Fahrzeugausstattung, beispielsweise von Abbiege- oder Toter-Winkel-Assistenzsystemen, leisten einen essenziellen Beitrag zu mehr Sicherheit.

Der Appell der Expert*innen an alle Verkehrsteilnehmer*innen lautet: Mehr Schutz den Schwächsten im Straßenverkehr! Wohlgemerkt: Ungeschützte Verkehrsteilnehmer*innen schützen mit ihrem Mobilitätsverhalten unseren Planeten. Wer per pedes oder Fahrrad unterwegs ist, hinterlässt einen weit geringeren ökologischen Fußabdruck – diese Bereitschaft zu alternativer Mobilität darf nicht mit mehr Risiko verbunden sein, sie gehört mit Rücksichtnahme und Respekt belohnt.

Hier der Download-Link zur KFV-Studie:
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