Österreichs Straßen im Fokus: Der neue Verkehrssicherheitsreport 2019

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Österreichs Straßen im Fokus: Unfälle, Ursachen, Meinungen

Die gute Nachricht zuerst: Noch nie seit Beginn der amtlichen Aufzeichnungen im Jahr 1961 kamen auf Österreichs Straßen weniger Menschen zu Tode als 2018. Doch die Zahl der schwer verletzten Verkehrsteilnehmer zeigt sich hartnäckig konstant. Im EU-Vergleich verharrt Österreich daher weiterhin im statistischen Mittelfeld. Traurige Tatsache: Alle 21 Stunden stirbt ein Mensch auf Österreichs Straßen, pro Stunde wird eine Person schwer verletzt.

Zweiradfahrer leben gefährlich
Die Zahlen der schwer verletzten und getöteten Motorrad- und Radfahrer zeigen besorgniserregende Zunahmen – der Trend zu Elektro-Fahrrädern und damit höheren erreichbaren Geschwindigkeiten schlägt sich dabei auch in den Zahlen der verunglückten Radfahrer nieder.

Kinder, Jugend, Senioren
Für Kinder und Jugendliche verringert sich tendenziell das Risiko, im Straßenverkehr schwer verletzt oder getötet zu werden. Am häufigsten kommen Kinder auf der Straße nach wie vor als Pkw-Insassen zu Schaden. Während die Zahl der bei Fahrradunfällen verletzten Senioren mit zunehmendem Alter abnimmt, steigt der Anteil älterer Menschen an den insgesamt bei Verkehrsunfällen getöteten Personen. Einen Hoffnungsschimmer zeigt dagegen die rückläufige Statistik der schwer blessierten und getöteten Fußgänger über alle Altersgruppen betrachtet.

Brennpunkt Freiland
Auf Autobahnen und Schnellstraßen sind seit 2009 tendenziell weniger schwer verletzte und getötete Verkehrsteilnehmer zu beklagen, auf Freilandstraßen häufen sich schwere Unfälle allerdings seit 2015. Alleinunfälle sind der Unfalltyp mit dem höchsten Anteil an schweren Unfallfolgen – ein Hinweis auf überhöhte Geschwindigkeit und damit einhergehenden Kontrollverlust.

Unfallursache Nr. 1: Ablenkung
Im Ranking der Unfallursachen ist Unachtsamkeit/Ablenkung nach wie vor Nummer 1 – mit deutlich steigender Tendenz. Aktuelle KFV-Studien zeigen: Populärste Nebentätigkeiten am Steuer sind Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung, Tippen und Surfen am Handy, Essen, Trinken, Rauchen und Bedienung von Navi & Co. Während die Zahlen der schweren Unfälle aufgrund von Vorrangverletzungen bzw. Rotlichtmissachtungen stagnieren, holt nichtangepasste Geschwindigkeit als Unfallursache auf. Alkohol am Steuer sorgt in relativ konstantem Ausmaß für fatale Konsequenzen.

(Un-)genutzte Sicherheitsreserven:

Thema Tempo
KFV-Messungen lassen wissen: Auf Österreichs Straßen nimmt man es mit der Wahl der Fahrgeschwindigkeit nicht allzu genau – obwohl diese im Ernstfall über Sein oder Nichtsein entscheidet. Niedrige Limits werden besonders gern ignoriert: Tempo 30 wird am häufigsten überschritten.

Gu(r)te Fahrt Die Gurtanlegequoten von Lenkern und Beifahrern liegen generell auf hohem Niveau. Allerdings ist immer noch jeder 29. erwachsene Pkw-Insasse während der Fahrt nicht angeschnallt, jedes 62. Kind wird ungesichert transportiert.

Kopfsache
KFV-Beobachtungen zeigen: Motorrad- und Mopednutzer sind praktisch ausnahmslos mit Helm in Fahrt.Die Verwendung angemessener (Schutz-)Bekleidung ist aber durchaus ausbaufähig – vor allem bei Aufsassen von Mopeds und Rollern. Während vier von fünf Radsportlern – in Sportkleidung per Rennrad oder (E-)Mountainbike unterwegs – Helm tragen, tritt im Alltagsverkehr nur jeder fünfte und im Freizeitverkehr jeder dritte Radfahrer geschützten Hauptes in die Pedale. Trotz steigender Radhelmtragequoten bei Kindern radelt noch immer jedes fünfte Kind ohne Helm.

Lichtgestalten
Die Sichtbarkeit von Fußgängern ist, besonders in der dunklen Jahreszeit,von überlebenswichtiger Bedeutung. Kinder werden bei Dämmerung und Dunkelheit dank Reflektoren an Schultasche oder Kleidung und farbenfroher, kontrastreicher Outfits vergleichsweise oft zu Eyecatchern. Obwohl sich die Sichtbarkeit von Fußgängern im Laufe der letzten Jahre leicht verbessert hat, sind noch immer jedes vierte Kind und zwei von drei Erwachsenen als „graue Mäuse“ per pedes unterwegs.

Luft nach oben: Österreichs Verkehrsmoral
Im Rahmen der jüngsten internationalen ESRA-Umfrage (Electronic Survey of Road Users‘ Attitudes)wurden 2018 in 20 europäischen Staaten persönliche Meinungen und Einstellungen von Verkehrsteilnehmern erhoben und miteinander verglichen. Untrüglicher Seismograf für Verkehrssicherheitskultur: die Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen. Österreich liegt nur beim Thema 0,0 Promille für Fahranfänger (82% Akzeptanz) und bei der Befürwortung eines Verbots von Kopfhörern für Fußgänger (49%) über dem ESRA20-Durchschnitt. Bei der Beurteilung aller anderen Maßnahmen hinkt Österreich in Sachen Sicherheitsorientierung hinterher, vor allem beim Goutieren von Alkoholwegfahrsperren für Wiederholungstäter (72% Ö vs. 79% ESRA20) und bei der Zustimmung zu einer Helmpflicht für alle Radfahrer (58% Ö vs. 68% ESRA20).

Was wiederum die Akzeptanz von Schnellfahren betrifft, liegt Österreich allerdings im Bereich der Spitzenreiter: Überschreitungen der erlaubten Höchstgeschwindigkeit treffen bei Österreichs Autofahrern auf eine markant höhere Akzeptanz als im ESRA20-Durchschnitt, auch das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung ist hierzulande vermehrt en vogue. Fahren ohne Gurt, bei Müdigkeit oder über dem zulässigen Alkohollimit wird jedoch in Österreich wie auch in den europäischen Vergleichsländern nur wenig toleriert.

Beim selbst berichteten Verkehrsverhalten können ÖsterreicherInnen im Vergleich zum ESRA20-Durchschnitt leider auch nicht vorbildlich glänzen: Geschwindigkeitsüberschreitungen, Fahren nach Alkoholkonsum und Handynutzung am Steuer sind in der Alpenrepublik häufiger Realität. Bei der Verwendung von Kindersitzen und beim Fahren über dem Alkohollimit von 0,5 Promille liegt Österreich wiederum im europäischen Durchschnitt.

Musikhören mit Kopfhörern, Schreiben von Textnachrichten, Checken von Social Media während der Fahrt und Radfahren auf der Straße neben dem Radweg – diese sicherheitswidrigen Gewohnheiten werden von österreichischen Radfahrern dafür weniger oft praktiziert als im ESRA20-Durchschnitt. Fazit: Manches ist gut, doch vieles könnte besser sein. Alles in allem besteht bei Österreichs Verkehrsmoral also noch durchaus Luft nach oben.

Verkehrssicherheitsreport 2019