Dem Vorbild Schweiz auf der Spur: Erfolgsgeheimnis Verkehrssicherheitskultur

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Warum ist man auf Schweizer Straßen um so vieles sicherer unterwegs als in Österreich? Der Vergleich macht uns sicher: Eine neue KFV-Studie prüfte den jeweiligen Status quo der Verkehrssicherheitskultur – mit einleuchtenden Erkenntnissen.

Seit geraumer Zeit ist die Schweiz Vorbild in Sachen Verkehrssicherheit – was macht Schweizer Straßen so sicher? Im Fokus aktueller KFV-Analysen steht der Faktor Verkehrssicherheitskultur. Und die ist dies- und jenseits der Grenze eine völlig andere. Dabei sind Österreich und die Schweiz in vielerlei Hinsicht vergleichbar: ähnlich hohe Bevölkerungszahlen, jeweils etwa 6 Millionen registrierte Kraftfahrzeuge und dort wie hier ein im EU-Vergleich hoher Motorisierungsgrad von rund 720 Kfz pro 1.000 Einwohner. Alpine Topografie, saisonal variierende, teils winterliche Straßenverhältnisse und touristischer (Transit-)Verkehr prägen das Verkehrsgeschehen beiderseits der Grenze.

Ein besonders markanter Unterschied besteht allerdings in der Zahl der Verkehrsopfer: Die Schweiz verzeichnet – bezogen auf die Einwohnerzahl – um rund 40% weniger Verkehrstote als Österreich und liegt damit in Sachen Verkehrssicherheit an der Europa- und Weltspitze, während Österreich nur im EU-Mittelfeld rangiert.

Schweizer Vorbild unter der Lupe

Ein detaillierter Ländervergleich Österreich-Schweiz sollte Klarheit bringen: durch vergleichende Analyse der verkehrsrechtlichen Rahmenbedingungen, kultursoziologische Betrachtungen beider Länder, einen Vergleich von Unfallzahlen und deren Entwicklung, repräsentative Online-Befragungen von jeweils 1.000 Verkehrsteilnehmern in der Schweiz und in Österreich zu ihren persönlichen Einstellungen und Gewohnheiten, einen Vergleich der beiden nationalen Verkehrssicherheitsprogramme und Interviews mit acht österreichischen und sieben Schweizer Experten aus den Bereichen Verwaltung und Exekutive, Straßenwesen, Forschung und Verkehrspsychologie – in Kooperation mit der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu).

Vision Schweizer Sicherheitsniveau: Rettung von 110 Menschenleben auf Österreichs Überlandstraßen

Zahlen, Daten, Fakten – hier die wichtigsten Resultate des Statistikvergleichs im Überblick:

  • In der Schweiz stirbt durchschnittlich alle 36 Stunden ein Mensch im Straßenverkehr – in Österreich alle 20 Stunden.
  • Österreich hat pro Jahr mit durchschnittlich 198 mehr als doppelt so viele getötete Pkw-Insassen zu beklagen wie die Schweiz mit 86.
  • In den Ortsgebieten ist der Verkehr in beiden Ländern annähernd gleich sicher, die Todesrate auf Österreichs Landstraßen (Außerortsstraßen ohne Autobahnen und Schnellstraßen) ist aber um zwei Drittel höher als in der Schweiz.
  • Auch im EU-Vergleich liegt Österreich mit seinem hohen Anteil an Freilandstraßenunfällen – rund zwei Drittel aller Verkehrstoten werden dabei österreichweit verzeichnet – derzeit an drittschlechtester Position.
  • In Österreich sind über 40% aller im Freilandbereich tödlich Verunglückten auf Alleinunfälle zurückzuführen – einer der höchsten EU-Werte.
  • Hohe Anteile an Außerortstoten und Alleinunfällen deuten auf ein hierzulande nicht optimal mit den Anlageverhältnissen im Einklang stehendes Temponiveau hin. Die unterschiedlichen Tempolimits (Schweiz 80 versus Österreich 100 km/h auf Freilandstraßen) sprechen eine deutliche Sprache.
  • Das Potenzial auf den Punkt gebracht: Auf dem Sicherheitsniveau der Schweiz gäbe es jährlich rund 110 Todesopfer weniger auf Österreichs Freilandstraßen.

Verkehrsteilnehmer am Wort: Gretchenfrage Geschwindigkeit

Der verkehrskulturelle Vergleich Österreich-Schweiz zeigt markante Unterschiede in der Einstellung und im Verhalten der Verkehrsteilnehmer: Während Alkohol am Steuer in beiden Ländern auf vergleichbar geringe Akzeptanz stößt, scheiden sich beim Thema Geschwindigkeit die Geister: Befragt nach dem eigenen Überschreiten der erlaubten Höchstgeschwindigkeit im Ortsgebiet innerhalb der letzten 30 Tage geben nur 4,8% der Schweizer Pkw-Lenkerinnen und -Lenker an, dies häufig bzw. (fast) immer getan zu haben, in Österreich liegt dieser Wert dagegen fast dreimal so hoch (14,5%).

Eklatant sind auch die Unterschiede in Sachen Akzeptanz: In Österreich halten das Fahren mit 70 km/h bei geltendem Tempolimit 50 ganze 21,1% der Befragten für akzeptabel, in der Schweiz hingegen nur rund 5 Prozent. Außerdem sind Herr und Frau Österreicher häufiger der Meinung, dass in Sachen Schnellfahren zu streng bestraft wird – obwohl Österreich zu den Ländern mit den geringsten Strafhöhen Europas zählt.

Erfolgsfaktoren aus Expertensicht: weniger Tempo, mehr Moral

Allgemeiner Tenor der befragten heimischen und Schweizer Expertinnen und Experten: Der Schlüsselfaktor Geschwindigkeit und die vorbildliche Verkehrsmoral seien ausschlaggebend für das höhere Sicherheitsniveau auf Schweizer Straßen. Die – in Relation zu Österreich niedrigeren – Tempolimits fänden nach Fachmeinung der Befragten in der Schweizer Bevölkerung große Akzeptanz. In Österreich hingegen habe Schnellfahren noch immer den Status eines Kavaliersdelikts.

Schweizer Verkehrsteilnehmer werden von den Experten als eher pflichtbewusst, diszipliniert, regelkonform und besorgt um soziale Sanktionierung wahrgenommen. Ebenso charakteristisch für die mobilen Schweizerinnen und Schweizer: ein Bedürfnis nach Harmonie, Ruhe und Rücksicht gegenüber anderen. Unser Zeugnis zeigt in Sachen Disziplin noch Luft nach oben: Die österreichischen Verkehrsteilnehmer würden, so die Sicht der Fachleute, nur allzu oft die Grenzen in puncto Regeln und Gesetze ausloten. Zudem würden sie im Straßenverkehr aggressiver und rücksichtsloser agieren. Auch Selbstüberschätzung am Steuer sei in Österreich vermehrt ein Thema.

Gefordert: mehr Konsequenz, mehr Commitment

Die befragten Fachleute plädieren mehrheitlich für mehr Konsistenz und Konsequenz in Gesetzgebung, Verwaltung und Sanktionierung. Schweizer Sanktionen für Verkehrssünden sind streng: Neben längeren Führerscheinentzügen und wesentlich höheren Geldstrafen werden in der Schweiz auch Freiheitsstrafen, die Beschlagnahme des Fahrzeugs sowie ein Eintrag ins Strafregister angedroht. Überdies gibt es im Gegensatz zu Österreich keine Straftoleranzen bei Geschwindigkeitsübertretungen.

Gefordert sei nach Ansicht der befragten Verkehrsexperten beider Länder auch ein allgemeines Bekenntnis zu einem ganzheitlichen Ansatz in Sachen Verkehrssicherheitsarbeit, der sich nicht nach Beliebtheitswerten oder Partikularinteressen richtet, sondern auf Sinnhaftigkeit und Wissenschaftlichkeit beruht – zur Sicherheit aller Straßenbenutzer.

Mehr Informationen über die aktuelle KFV-Studie zum Thema Verkehrssicherheitskultur im Vergleich Schweiz – Österreich finden Sie in der Zeitschrift für Verkehrsrecht (ZVR) 07/2019