Fluchend in Fahrt waren wir wohl alle schon mal. Chronische Aggression am Steuer bewirkt jedoch riskanten Fahrstil und erhöhtes Unfallrisiko. Die Wutprobe am Volant: Was uns stresst und aggressiv werden lässt. Und wie wir bewusst gegensteuern können.

„Ich bin nicht aggressiiiiiiiv!!! Aber der Schleicher vor mir ist wohl eingeschlafen!!“ – „Das gibt’s ja nicht – jetzt staut‘s hier schon wieder!“ – „Na super, der Sommer beginnt, und die Baustellensaison ist eröffnet!“ So oder so ähnlich tönt es immer wieder an Österreichs Volants – wenn der Verkehr nicht fließt, die Nacht zu kurz war oder der Kaffee zu stark. Studien beweisen: Aggression am Steuer erhöht Unaufmerksamkeit, Fahrfehleranfälligkeit und Unfallrisiko. Doch wer oder was macht uns am Steuer aggressiv? Welche Wut-Auslöser können wir beeinflussen? Wie bewahren wir auch an heißen Sommertagen einen kühlen Kopf am Steuer? Beleuchten wir sie mal näher, die klassischen Stressfaktoren auf der Straße – und die besten Gegenstrategien.

 NervÖsterreich: Von Staus und Stress am Steuer
Rasen, Drängeln, Schneiden, Ausbremsen. Ignoranz gegenüber Fußgängern und Radfahrern. Verzicht aufs Blinken, riskante Überholmanöver. Vehementes Hupen, quietschende Reifen. Lautstarkes Schimpfen, wildes Gestikulieren. Egoismus und Intoleranz prägen allzu oft unser Straßenbild. Klassischer Hauptgrund für hohen Blutdruck am Steuer ist Stress: die stetig sprudelnde Quelle von Frustration und Aggression.

Negativer Stress entsteht häufig durch Zeitdruck, Hektik und Multitasking am Steuer. Erhöhten Stresspegel bewirken auch inhomogener Verkehrsfluss und eingeschränkte Platzverhältnisse: Vermehrter Lkw-Verkehr auf der Autobahn und immer mehr private Großraumfahrzeuge in eng verbauten Ortsgebieten minimieren den verfügbaren Raum auf der Straße. Für traditionell sommerliches Gefühls-Chaos sorgt auch so manche Baustelle im Stadtzentrum oder auf der Autobahn. Chronischen Cholerikern reicht allerdings schon eine rote Ampelphase, die als zu lang empfunden wird – und der seidene Geduldsfaden reißt.

Aggression – ein mehrheitlich männliches Phänomen
Im Rahmen einer KFV-Studie zum Thema Aggression im Straßenverkehr wurden österreichweit Telefoninterviews mit 1.500 Pkw-LenkerInnen aller Altersgruppen durchgeführt. Die Erkenntnisse dieser Untersuchung: Aggressives Fahren wird häufiger wahrgenommen als noch vor einigen Jahren. Dichtes Auffahren und Drängeln werden am öftesten als Ärgernis erlebt. Fremd- und Selbstbild divergieren dabei stark: Aggressiv oder schuld an Konflikten sind meistens die anderen. Besonders hohe Aggressionswerte zeigen Männer und EinwohnerInnen größerer Städte.

Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter der KFV Verkehrssicherheitsforschung, plädiert für Entschleunigung zugunsten der Sicherheit: „Aggressives Fahrverhalten äußerst sich meist in dichtem Auffahren, prekärem Einscheren oder fehlender Anhaltebereitschaft vor Fußgängern auf Zebrastreifen. Das Gaspedal darf aber nicht Ventil negativer Emotionen sein – die Folgen sind viel zu oft fatal: Aggression resultiert in erhöhter Unfallbeteiligung, unabhängig von der jährlichen Kilometerleistung. Wer andere auf der Straße aggressiv bedrängt, macht sich außerdem strafbar: Nötigung im Straßenverkehr ist ein strafrechtlicher Tatbestand, bei rechtskräftiger Verurteilung droht eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.“

Fair Play – auch auf der Straße!
Der KFV-Appell lautet daher: Steuern wir bewusst unserer Aggression entgegen! Fairness und Freundlichkeit sind gefordert – Fair Play sollte nicht nur im Sport, sondern auch auf der Straße oberste Maxime sein. Hier die KFV-Tipps für mehr Entspannung am Steuer:

  • Nehmen Sie sich Zeit für die Sicherheit: Bauen Sie in Ihren persönlichen Fahrplan immer einen Zeitpuffer ein: Fahren Sie lieber zehn Minuten früher los als fünf Minuten zu spät.
  • Meiden Sie klassische Stoßzeiten: Fahren Sie nach Möglichkeit antizyklisch und lassen Sie typische Rushhours und erwartbare Spitzenfrequenzzeiten aus.
  • Durchatmen statt hupen: Atmen Sie in Stresssituationen erst mal tief durch. Bleiben Sie so ruhig und souverän wie möglich. Handeln Sie überlegt, vernunftbetont und lösungsorientiert. Die Straße ist für alle da, nicht nur für Sie persönlich.
  • Partnerschaft statt Gegnerschaft: Miteinander statt gegeneinander – sehen Sie die anderen StraßenbenutzerInnen als Gleichgesinnte, nicht als Konkurrenten. Der sichere Weg ist das gemeinsame Ziel: Wir alle wollen uns unfallfrei von A nach B bewegen.
  • Toleranz statt Ignoranz: Zeigen Sie menschliche, nicht nur fahrzeugtechnische Größe: Toleranz ist in allen Lebensbereichen gefragt. Ob per pedes oder auf umweltfreundlichen Rädern und Rollen: Wir alle sind auch immer wieder mal ohne Motor unter der Haube unterwegs. Nicht das Recht der Stärkeren darf zählen, sondern das Schutzbedürfnis der Schwächeren.
  • Kommunikation statt Machtdemonstration: Blinken ist die Königsklasse der Kommunikation am Steuer. Wer bei Spurwechseln und Fahrtrichtungsänderungen korrekt blinkt, glänzt durch emotionale Intelligenz und vermeidet unliebsame Begegnungen der allzu direkten Art.
  • Bewegung bringt Entspannung: Lassen Sie in Ihrer Freizeit frische Luft und gesunde Bewegung den Ton angeben! Powern Sie sich beim Sport statt am Steuer aus: Laufen, Radfahren, Yoga & Co. sorgen für nachhaltige Entspannung, die Sie in stressigen Momenten leichter cool bleiben lässt.