73 Tote durch Vorrangverletzungen: Höchster Wert seit mindestens 10 Jahren

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Die Zahl der getöteten Verkehrsteilnehmer durch das Fehlverhalten einer Vorrangverletzung ist auf Rekordwert. Seit Einführung der digitalen Zählweise UDM (Unfalldatenmanagement) konnten noch nie mehr Unfälle aufgrund von Vorrangverletzungen gezählt werden wie im Jahr 2022. Einspurige Fahrzeuge sind besonders gefährdet. Motorradfahrer beispielsweise haben in den letzten 5 Jahren nur rund 1 Prozent der Vorrangverletzungsunfälle verursacht, ihr Anteil an den Getöteten liegt aber bei 27 Prozent. Es gibt aber noch weitere Auffälligkeiten.

Wien, 14. März 2023. Vorrangverletzungen sind die zweithäufigste Hauptunfallursache bei Verkehrsunfällen mit Personenschäden in Österreich. Die gefühlte Wahrnehmung der Bevölkerung ist allerdings eine andere. Beim letzten KFV-Präventionsmonitor hatte die Summe der Befragten diese Unfallursache in der Rangliste erst auf Platz 12 vermutet. Tatsächlich pendelt der Anteil von Vorrangverletzungsunfällen am Gesamtunfallgeschehen seit 10 Jahren zwischen 21 und 25 Prozent, wie Auswertungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) zeigen. Für 2022 liegt der Anteil der Vorrangverletzungsunfällen am Gesamtunfallgeschehen noch nicht vor, aber die Anzahl der Getöteten durch Vorrangverletzungen steht bereits fest.

Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheitsforschung im KFV erklärt dazu: „Die ungewöhnlich hohe Zahl von 73 Getöteten bei Vorrangverletzungen im Gesamtjahr 2022 ist eine Besorgnis erregende Entwicklung. Es ist nicht nur der höchste Wert seit mindestens 10 Jahren, sondern auch deutlich höher als der Zehnjahresschnitt von 55 Getöteten pro Jahr“. Seit der Einführung des Unfalldatenmanagement (UDM) im Jahr 2012 hat es noch nie so viele Getötete durch Vorrangverletzungen in einem Jahr auf Österreichs Straßen gegeben. Mittels UDM wird von der Exekutive bei allen Verkehrsunfällen, bei denen es Verletzte oder Tote gab, elektronisch die vermutete Hauptunfallursache erfasst.

Infografik_Vorrangverletzungen_Mai 2023

2022 auffällig viele Fußgänger unter den Opfern
Laut vorläufigen Detailergebnissen für 2022 sind unter den verunglückten Personen mindestens 27 PKW-Insassen, 11 Fußgänger, 9 E-Bike-Nutzer, 9 Motorrad-Nutzer, 6 Moped-Nutzer und 3 Fahrrad-Nutzer. Hinzu kommen weitere Verkehrsteilnehmer, wie etwa E-Scooter-, Microcar- und Leichtmotorrad-Nutzer. Der Anteil an Fußgängern war 2022 unter den Getöteten bei Vorrangverletzungen statistisch betrachtet ungewöhnlich hoch. Im längerfristigen Vergleich (2017 bis 2021) rangieren hingegen anteilsmäßig nach den PKW-Insassen (29%), die Motorrad-Nutzer (27%) an zweiter Stelle – gefolgt von Fahrrad-Nutzern (19%), Fußgängern (16%) und Moped-Nutzern (4%).

Hohe Gefährdung mit einspurigen Fahrzeugen
Generell zeigt sich, dass die überwiegende Mehrheit der Verletzten (78%) und Getöteten (60%) bei Vorrangverletzungsunfällen nicht die Hauptunfallverursacher waren: Noch größer wird der Unterschied bei Nutzern von einspurigen Fahrzeugen, wie etwa Mopeds, Motorräder, Fahrrädern oder auch Fußgängern. „Motorradfahrerende waren im 5-Jahresdurchschnitt sogar nur bei rund 1% der Vorrangverletzungsunfälle die Hauptunfallverursacher, ihr Anteil an den Getöteten liegt aber bei 27%. Sie werden also besonders durch andere Verkehrsteilnehmer, die den Vorrang missachten, gefährdet“, analysiert Dipl.-Ing. Robatsch. Bei PKW ist das Verhältnis hingegen umgekehrt, zumal die Insassen natürlich auch besser geschützt sind als bei einspurigen Fahrzeugen.

„Motorradfahrerende waren im 5-Jahresdurchschnitt nur bei rund 1% der Vorrangverletzungsunfälle die Hauptunfallverursacher, ihr Anteil an den Getöteten liegt aber bei 27%“

Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheitsforschung im KFV
Dipl.-Ing. Klaus Robatsch, Leiter der Verkehrssicherheitsforschung im KFV ©kfv

Geplante Schritte des KFV für 2023
Das KFV plant aus aktuellem Anlass in diesem Jahr noch mehrere Maßnahmen zum Thema Vorrangverletzungen, darunter eine repräsentative Befragung und ein intensiver Gedankenaustausch mit Verkehrsplanern, Sachverständigen, Richtern, der Exekutive sowie weiteren Experten. Im Anschluss werden in Fokusgruppen konkrete Verbesserungsvorschläge erarbeitet und der Öffentlichkeit präsentiert. Zu den zentralen Forderungen des KFV gehören unkompliziertere gesetzliche Regelungen, damit auch zu Fuß Gehende, Radfahrende und andere Personengruppen, die ohne Führerschein am Verkehrsgeschehen teilnehmen, die Vorrangregeln leichter verstehen. In weiterer Folge braucht es aber auch vermehrte Wissensvermittlung sowie Bewusstseinsbildung, damit diese vereinfachten Regeln dann auch eingehalten werden.

Erstaunliche Erkenntnisse zum Thema Vorrangverletzungen:

  • Vorsicht nach Feierabend. Bei der Betrachtung nach 2-Stunden-Intervallen, geschehen von 16:00 bis 17:59 Uhr die meisten Vorrangverletzungsunfälle.
  • Hitziger August: In diesem Monat sterben die meisten Menschen bei Vorrangverletzungsunfällen, im Jänner und Februar die wenigsten.
  • Achtung an Freitagen: am Tag vor dem Wochenende passieren die meisten Vorrangverletzungs-Unfälle mit Personenschäden, danach folgen Mittwoch und Donnerstag. Am Sonntag geschieht am wenigsten.
  • 20 bis 29 Jahre alte PKW-Lenkende: wie Auswertungen nach Altersgruppen und Verkehrsmitteln zeigen, sind 20 bis 29 Jahre alte PKW-Lenkende am häufigsten die Hauptunfallverursacher. An zweiter Stelle rangieren 50 bis 59 Jahre alte PKW-Lenkende.
  • Männer und Frauen: Von 2017 bis 2021 wurden 277 Menschen bei Vorrangverletzungsunfällen getötet, wobei 112 davon die Hauptunfallverursacher waren (73 Männer, 39 Frauen). Auch unter den 165 getöteten „nicht Hauptunfallverursachern“ waren mehr Männer (104) als Frauen (61).

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