Gurtmuffel schweben in Lebensgefahr

Als Baker 1902 einen misslungenen Geschwindigkeitsrekordversuch überlebte, weil er sich in seinem Cabrio mit einem Lederriemen angeschnallt hatte, wusste er sicher noch nicht, wie sich seine Idee entwickeln würde. Auch die Verbreitung des Gurts in den 1950er Jahren beruhte zunächst nur auf der Erkenntnis, dass Autofahrer Unfälle viel öfter überlebten, wenn sie in ihren Fahrzeugen verblieben und nicht aus dem Auto geschleudert wurden. Seither hat sich die Aufgabe des Gurtes wesentlich verändert. Heute soll er in Zusammenarbeit mit den Airbags, den Gurtstraffern, Gurtklemmern und Gurtkraftbegrenzern den Insassen so vorsichtig verzögern, dass er einen Crash möglichst unversehrt übersteht.

Dass ein Gurt in Extremsituationen über Leben oder Tod entscheidet, ist kein Geheimnis. Trotzdem verzichtet etwa jeder fünfte österreichische Lenker während der Fahrt auf das lebensrettende Anschnallen. Nicht ohne Folgen, zeigen die Unfallzahlen: 41 Prozent aller getöteten PKW-Insassen im Straßenverkehr waren im Jahr 2006 zum Zeitpunkt des Unfalls ohne Gurt unterwegs – ein Großteil hätte richtig gesichert wahrscheinlich überlebt.

Während Autofahrer bei Überlandfahrten noch eher zum Gurt greifen – auf Autobahnen sind 91,6 Prozent angeschnallt unterwegs – wird die Gefahr auf kurzen Distanzen unterschätzt. Sei es der Weg zum Einkauf oder zur Schule – der Anteil der Gurtmuffel im Ortsgebiet liegt laut KfV-Erhebungen bei knapp 14 Prozent. Lenker und Beifahrer fühlen sich innerorts – u.a. aufgrund der geringeren Geschwindigkeit – sicherer und verzichten aus Bequemlichkeit auf den Gurt. Bei der Anschnallquote von Kindern ergibt sich ein ähnliches Bild: Im Freiland werden rund 93 Prozent der kleinen Passagiere mit Kindersitz oder Gurt gesichert; im Ortsgebiet bewegt sich der Wert hingegen bei lediglich 87,7 Prozent.

Doch gerade hier verbirgt sich eine tückische Gefahr, denn in Wahrheit kommen Fliehkräfte bereits bei geringen Aufprallgeschwindigkeiten zu tragen. Eine ungesicherte Person wird bei einem Frontalaufprall mit 50 km/h innerhalb einer Zehntelsekunde mit bis zu 30-fachem Körpergewicht nach vorne geschleudert – schwere Kopfverletzungen, Rippenprellungen oder -brüche können die Folge sein.

Dabei war die Anschnallmoral der Österreicher schon besser. Die breit angelegte Gurt-Kampagne von BMVIT, BMI und KfV brachte im Jahr 2002 nennenswerte Erfolge. Mit einem Schlag stieg die Anschnallquote auf den Rücksitzen von 43 auf 62 Prozent, auch Kindersitze wurden so häufig verwendet wie nie zuvor. Das neuerliche Absinken dieser Werte führt die Notwendigkeit weiterer bewusstseinsbildender Maßnahmen vor Augen.

Das KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit) fordert zielgerichtete Kontrollen und adäquate Strafhöhen für Gurtmuffel. Wird man von der Polizei ertappt, kostet ein ungesichertes Kind immer noch viel weniger als ein nicht ordnungsgemäß gesichertes Tier in einem Viehtransport. Diese Berechnung entbehrt jeder Logik und trägt kaum zur Verkehrssicherheit bei.

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