Die jungen Wilden: Risikogruppe 18- bis 24-Jährige

2006 war gut ein Viertel (26,5 %) der getöteten Pkw-Lenker und ein Sechstel der getöteten Mitfahrer zwischen 18 und 24 Jahre alt. Aus psychologischer Sicht ist es das Gefühl der Freiheit, der Wunsch dazu zu gehören und die Suche nach dem Nervenkitzel, die ein Auto in der Hand eines jungen Menschen zum tödlichen Geschoss werden lassen. Der Führerschein in der Tasche bedeutet für sie Unabhängigkeit, mit dem eigenen – möglichst prestigeträchtigen, leistungsstarken – Auto definieren sie ihren Status im Freundeskreis und in der Gesellschaft. Die Rangordnung wird mit dem Bleifuß am Gaspedal festgelegt, denn wer schnell und unerschrocken ist, gehört zu den "Erfolgreichen". Dadurch steigt die Risikobereitschaft, wodurch Jugendliche mit geringer Frustrationstoleranz und geringer emotionaler Ausgeglichenheit noch stärker gefährdet sind. Studien zeigen, dass Aussagen wie "Ich finde es wichtig, beim Fahren die Grenzen meiner Fähigkeiten zu erproben", "Ich finde es wichtig, andere Fahrer zu übertrumpfen" und "Schlechte Fahrer erkennt man daran, dass sie zögern und ihre Möglichkeiten nicht ausnützen" von jüngeren Befragten im Alter zwischen 20 und 24 Jahren signifikant häufiger bejaht werden.

Selbstbild und Realität
Zwischen der Selbsteinschätzung junger Autofahrer und ihrem tatsächlichen Können klafft aber meistens eine große Lücke. Oft glauben Anfänger, schon nach wenigen Wochen Fahrpraxis so sicher zu sein, dass sie die Gefahren zu hoher Geschwindigkeit zu niedrig und ihr eigenes Können zu hoch bewerten. Dazu kommt das mangelnde Gefühl für fahrphysikalische Gefahren wie Straßenverhältnisse und Witterung. Auf diese Weise sind auch die charakteristischen Unfallarten junger Fahranfänger zu erklären: Abkommen von der Fahrbahn, Schleudern und Zusammenstöße in Kurven wegen unangepasster Geschwindigkeit sind bei jungen Lenkern besonders häufig zu beobachten. Wenn auch noch Alkohol im Spiel ist und das Disco-Feeling mit Freunden ins Auto verlegt wird, wird es besonders dramatisch: Mit 29,6 Prozent stellen die 18- bis 24-Jährigen einen großen Anteil als Lenker bei Alkoholunfällen. Vor allem in den frühen Morgenstunden am Samstag und Sonntag kommt jeder zweite Alko-Lenker aus dieser Risikogruppe.

Die Mehrphasen-Fahrausbildung
Um dieser seit Jahren anhaltenden negativen Tendenz Herr zu werden, wurde am 1. Jänner 2003 die Führerschein-Mehrphasen-Fahrausbildung eingeführt. Vor allem junge Männer waren mit dem rosa Schein in Händen viel zu oft der falschen Meinung, dass sie mit der bestandenen Fahrprüfung alles wissen und alles können. Das Sicherheitsdenken setzt bei jungen Menschen meist erst in der gefährlichen Situation selbst ein. In einer Untersuchung des KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit) wurden österreichweit über 840 Teilnehmer von Fahrsicherheitstraining, verkehrspsychologischem Gruppengespräch und Perfektionsfahrt befragt. Dabei wurde deutlich, dass die jungen Fahrer sich an erster Stelle erwarten, riskante Situationen – wie zum Beispiel das Ausbrechen des Fahrzeuges – besser zu bewältigen. Genau da müssen die Instruktoren ansetzen, Ziel sollte nicht sein, eine gefährliche Situation zu bewältigen, sondern sie überhaupt zu vermeiden. Das heißt, Fahrfehler zu eliminieren, bevor sie zu einem Kontrollverlust führen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie die Befragten ihre Fähigkeit zum vorausschauenden Fahren vor und nach dem Fahrsicherheitstraining beurteilten: Über 81 Prozent der männlichen Teilnehmer waren vor dem Training der Meinung, sie könnten gefährliche Situationen sehr gut bis gut erkennen, bei den Frauen waren es rund 76 Prozent. Das Training holte dann so manchen auf den Boden der Tatsachen zurück: 30,2 Prozent der männlichen und 34,3 Prozent der weiblichen Befragten stuften ihre Antizipationsfähigkeit jetzt nur noch als "befriedigend" ein. Wie sinnvoll das psychologische Gespräch nach dem Fahrsicherheitstraining ist, zeigen die Vorher-Nachher-Meinungen zum Thema Unfall und Geschwindigkeit. Nach dem Gespräch waren rund 68 Prozent der männlichen Teilnehmer der Ansicht, dass ein Unfall keine Frage des Schicksals, sondern der eigenen Verantwortung ist – vor dem Gespräch stimmten dem nur 58 Prozent zu. Beim Thema Geschwindigkeit konnten rund 87 Prozent der männlichen und fast 90 Prozent der weiblichen Probanden der Aussage "Schnell fahren ist manchmal sicherer" nichts mehr abgewinnen, was bei beiden Gruppen einer Steigerung von etwa zehn Prozent entspricht. Insgesamt kam der überwiegende Teil der Befragten zum Schluss, dass Fahranfänger öfter in riskante Situationen geraten.

Im Rahmen der Mehrphasen-Fahrausbildung wird vor allem das Fahrsicherheitstraining als besonders attraktiv bewertet. Viele haben dabei spektakuläre Schleuderversuche im Kopf, genau das soll das Fahrsicherheitstraining aber nicht sein. Bei jenen Jugendlichen, deren subjektive Selbsteinschätzung des Fahrkönnens und die objektiven Tatsachen schon gefährlich weit auseinander liegen, sollen sich nicht noch breitere Gräben auftun. Die Instruktoren müssen die Teilnehmer also zur Selbstkritik anregen. Es muss allen klar sein, dass sie sich in einer spezifischen Laborumgebung befinden und im richtigen Leben zusätzlichen Faktoren wie etwa Ablenkung oder Ermüdung ausgeliefert sind. Tatsächliche Fähigkeiten und Selbsteinschätzung sollen auf dasselbe Niveau gebracht und den optimalen Fähigkeiten eines guten Fahrers angenähert werden.

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